Tagebuch von Jana Berta

Das Tagebuch von Janna-Berta war eine Idee der Gruppe Inhalt, die dann auch zu einzelnen Kapiteln versucht hat, einen möglichen nachträglichen Tagebucheintrag von Janna - Berta zu verfassen. Bei diesen Tagebucheinträgen ging es darum, sich mit den Gedanken und Gefühlen von Janna- Berta in verschiedenen Situationen auseinanderzusetzen. Die Gruppe Inhalt wünscht viel Spaß beim Lesen und evtl. auch beim Diskutieren, ob die entsprechenden Tagebucheinträge realistisch, gelungen, ... sind.

Alternativer Schluss der Geschichte

Liebes Tagebuch,


(Kap.1) ich schreibe über den ersten Tag der Katastrophe. Ich hatte nie geahnt, das so etwas passieren würde. Ich wusste viel über Tschernobyl, weil meine Eltern sich oft an Protesten gegen Atomkraftwerke beteiligten. Und dann wurde ABC -Alarm gegeben. Unser Lehrer sagte, dass wir gehen sollten. Viele wussten nicht, wo sie hin sollten. Ich wusste es genau: Nach Hause, zu meinem Bruder Uli. Ich wusste aber nicht, wie ich nach Schlitz, zu Uli kommen sollte. Da kam Lars vorbei. Er wohnte auch in Schlitz. Er fragte, ob ich mit seinem Auto mitfahren wollte. Drei weitere Jungs aus der Oberstufe fuhren auch mit. In Straßen, wo sonst nie Stau war, kam es zu Blockaden. Panik bricht in der Stadt aus. Leute packten Sachen zusammen, zerrten Kinder hinter sich her. Ich machte mir Gedanken um meinen Bruder. Die vorigen Tage hatte es gut geklappt ohne Mama, Papa, Jo und Kai. Er hatte einmal zur dritten Stunde aus und konnte trotzdem nach Hause, da er ein rotes Lederband mit unserem Schlüssel daran hatte.
Ich vergaß nie, ihm sein Pausenbrot mitzugeben. Er hatte die Idee, Reibekuchen zu machen, denn das aß er sehr gerne. Ich fragte, wie lange Grafenrheinfeld entfernt war und Lars antwortete, ich sollte auf den Wind achten. Wenn Südostwind war, würden wir von einer verseuchten Wolke getroffen werden. Um es zu testen, was für Wind herrschte, hielt Lars an und hielt ein Taschentuch in die Höhe. Es war Südostwind. Wir diskutierten noch über die Entfernung und einigten uns darauf, das Schweinfurt sehr betroffen war. Ich musste viel nachdenken über meine Eltern und über meine Großmutter, die in Mallorca war und gar nichts mitbekam. Ich krallte meine Fingernägel in meinem Arm, so wie immer wenn ich sehr nervös war oder Schmerzen aushalten musste. Als wir in Schlitz angekommen waren, kam Lars Mutter panisch auf uns zu. Sie schrie uns an, das Lars uns nicht nach Hause fahren konnte. Ich wollte Lars noch Danke sagen, aber da war er schon verschwunden. In höchstens zehn Minuten wäre ich bei Uli. Ich rannte so schnell ich konnte, zu dem Haus am Hang los.

Liebes Tagebuch,

(Kap.2) als ich nach Hause kam, erwartete Uli mich bereits mit einer Reibe in der Hand. Ich war froh, dass ihm noch nichts passiert war und das er zu Hause war. Er hatte irgendwas von der Wolke erzählt. Aber das Radio war so laut, dass ich nicht alles ganz genau verstand. Was ich aber verstand war, dass Almut angerufen hatte. Ich war erleichtert. Ich hörte ganz genau zu jedem Radiobericht und bekam immer mehr Angst. Da Almut geraten hatte, in den Keller zu gehen, trafen Uli und ich alle Vorbereitungen. Wir trugen Matratzen und Kerzen, Bücher, Memory und Malefiz in den Keller. Uli klammerte sich an seinen Teddybären. Als ich gerade überlegte, ob wir einen Eimer für unsere Geschäfte brauchten, klingelte das Telefon. Ich rannte die Treppen hoch und hoffte das es meine Mutter war. Meine Hoffnung erfüllte sich. Sie schrie mich an ,und ich hörte die Aufregung in ihrer Stimme, ich solle nicht mit Uli in den Keller, sondern ihr Adressbuch holen und auf dem schnellsten Weg zu Helga nach Hamburg fahren. Es rauschte im Hörer und ich brüllte voller Entsetzten in den Hörer. Aber meine Mutter war nicht mehr am anderen Ende. Ich war aufgebracht, wollte mir aber vor Uli nichts anmerken lassen. Ich überlegte, wie wir jetzt zum Bahnhof kommen konnten. Jordans wollten uns mitnehmen, aber ich war voller Verzweiflung und wusste nicht was ich machen sollte. Meine Mutter hatte mir auch geraten, mit ihnen mitzufahren. Aber sie waren schon weg. Die einzige Möglichkeit wegzukommen, waren unserer Fahrräder. Also zog ich Uli hinter mir her, raus zum Hof und klemmte seinen Teddybären auf den Gepäckträger. Ich glaube, er wusste nicht genau, was wir vorhatten, aber ich war so von meiner Idee mit den Fahrrädern überzeugt, dass mich nichts davon abhielt. Als wir schon an einer Kreuzung waren, fiel Uli der Wellensittich Coco ein, auf den wir aufpassen mussten, so lange Oma Berta in Mallorca war. Er bremste, schmiss sein Fahrrad und drehte um. Ich schrie ihm empört nach, er solle zurück kommen. Unser Leben war wichtiger, als das eines Vogels. Weinend stieg er dann wieder auf sein Fahrrad.

Liebes Tagebuch,

(Kap. 3) ich erzähle dir von dem Tag, als ich Uli verlor. Nein, er ist nicht abgehauen und nicht mehr wieder und er hat sich auch nicht versteckt und kam nicht mehr aus dem Versteck. Nein, er starb. Und es war alles meine Schuld. Wenn ich mit Jordans mitgefahren wäre, säßen wir nicht auf wackligen Fahrrädern, ich und mein achtjähriger Bruder, von dem ich viel zu viel erwartete. Ich dachte, er würde den Weg problemlos und glatt fahren. Was erwartete ich eigentlich von einem Zweitklässler? Ich machte mir damals sehr Schuldgefühle. Heute weiß ich, dass er vielleicht früher oder später eh gestorben wäre. Es starben über 30.000 Menschen, darunter mein Bruder. Uli war nicht verseucht oder hatte Krebs. Er ist gestorben, weil ich wollte, dass er etwas schaffte, was sonst fast nur sportliche Menschen schafften. Ich hätte meiner Mutter auch sagen können, dass sie da bleiben sollte. Dann wäre ich nicht auf mich alleine gestellt und hätte eine Bezugsperson. Ich fühle mich so schrecklich. Wie konnte ich nur! Ich hätte auch im Keller bleiben können, dann wäre er wenigstens noch am Leben. Ich denke, irgendwann wären wir getrennt worden. Spätestens als ich ins Krankenhaus gekommen bin. Uns wollten auf dem Weg zum Bahnhof so viele mitnehmen. Wieso bin ich nicht darauf eingegangen? Ich kann es nicht genau sagen. Ich war so panisch und wollte einfach nur weg und die ganze Sache irgendwie vergessen. Am Anfang kamen wir mit den Fahrrädern besser voran, weil sich Stau anbahnte. Und genau deshalb sind wir in eine landsähnliche Straße eingebogen. Ich hatte Uli so oft gerufen, er solle nicht so schnell den Berg herunter fahren, aber er hatte nicht auf mich gehört. Er fuhr immer schneller. Und das Geräusch, von dem Auto, der dumpfe Knall... Ich bekam es heute nicht mehr aus meinem Kopf. Auch als Uli Coco mitnehmen wollte, tat er mir Leid. Ich wollte den Wellensittich meines Opas ja auch mitnehmen. Aber ich musste egoistisch handeln, sonst wäre zum Schluss vielleicht noch wir gestorben und Coco überlebt. Auf jeden Fall hatte ich eine der wichtigsten Personen meines Lebens verloren.

Liebes Tagebuch,

(Kap.4) als ich ihn da tot liegen sah, ging ich hin und fühle seine warme Hand. Mitten auf der Straße saß ich da, meinen toten Bruder an der rechten Hand. Der vorderste Wagen stoppte und wollte mich mitnehmen. Ich starrte Uli an und fragte mich, was er jetzt machen würde. Als ein bärtiger Typ ausstieg, krallte ich wieder meine Finger in meinen Arm. Der Mann versuchte mich Uli zu entziehen. Ich ließ nach einer Weile los, weil ich keine Kraft mehr hatte und er mir eine Ohrfeige gab. Ich schrie innerlich los, als er Uli mit ins Rapsfeld nahm. Ich konnte nicht losschreien. Irgendwas in meinem Körper hinderte mich daran. Ich schrie innerlich so laut, das ich mir schon die Ohren zu halten wollte. Aber der Mann zerrte mich ins Auto. Hinter uns hupten immer mehr. Ich saß nun zwischen 3 Kindern. Ich schwieg und dachte über alles nach, was ich mit Uli schon erlebt hatte. Wie er dastand und Kartoffeln rieb. Und mich immer begrüßte, wenn ich nach Hause kam. Der Wagen hielt an. Ich wollte nicht raus. Sollte ich doch auch sterben. Und wenn, dann in diesem Auto. Aber irgendwie schafften sie es dann doch, mich aus dem Auto zu bekommen. Um mich herum, bekam ich kaum etwas mit. Nur das wir uns dem Bahnhof näherten und immer mehr Menschen in meinem Blickfeld erschienen. Neben mir drängelten immer mehr und quetschen sich neben mir durch. Ich bekam die jüngste Tochter auf den Arm gesetzt und die anderen zwei Kinder an meine linke und rechte Hand. Ich kletterte über eine Mauer und wusste nicht, wo die Eltern von den Kindern waren. Ich lief einfach weiter und achtete gar nicht darauf, das ich die zwei Kinder an meiner Linken und Rechten verlor. Ich merkte es erst, als die Mutter mich an den Schultern rüttelte. Mir war es egal. Ich fing an zu lachen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht und rannte in den Regen hinein. Ich fühlte die Tropfen auf meiner Haut und mir war es so was von egal.

(Kap. 5) ich rannte immer weiter nach Süden. Mein Blick war auf das Rapsfeld gerichtet, in der Hoffnung Uli da irgendwo sehen zu können. Ich schrie nach ihm. Ich näherte mich der Autobahn. Das Haar klebte mir am Kopf, mein schönes Haar, was später einfach weg war. Das Wasser gluckste bei jedem Schritt in meinen Schuhen, die längst verseucht waren. Jemand schrie mir zu, dass ich direkt hinein rannte aber das wusste ich bereits. Ich entdeckte ein Nottelefon, hob es ab. Aber die Stimme war mir fremd, nicht Mama, nicht Papa, nicht Uli. Als ich ein bisschen weiter gerannt war, fragte eine sommersprossige Frau, ob ich mitfahren wollte. Ich lehnte ab. Die Frau nahm mich trotzdem mit, und als ich in ihrem Bus war, schlief ich ein. Als ich wieder aufwachte, hatte ich ganz andere Sachen an. Sie hatten meine Sachen aus dem Fenster geworfen, da sie verseucht waren. Als die Leute aus dem Bus ausstiegen, hörte ich Schussgeräusche und wie sich die Frau mit jemand anderem über ...

Liebes Tagebuch!

(Kap. 6) Ich war in einem Nothospital gelandet. Ich konnte mich an fast nichts mehr erinnern, nur noch dunkel sah ich die Lindenallee vor mir, die plötzlich abbrach. Wer mich gefunden und in dieses Gebäude gebracht hatte, wusste ich nicht. Neben mir lag Ayse, die genauso wie ich verseucht war. Ich habe nicht mit ihr geredet, ich konnte es einfach nicht in diesem Zustand. Am liebsten wollte ich alleine sein und über alles nachdenken was passiert war. Einmal hörte ich wie Ayse mit einer Frau vom Roten Kreuz geredet hat. Ayse hatte ihre Eltern im Durcheinander der Evakuierung aus den Augen verloren und irrte in der fast leeren Stadt umher. Die Polizei hatte sie dann mitgenommen und in ein Sammellager gebracht. Sie hat sich dort übergeben und weil es dort zu voll war brachte man sie dann hierher. Sie tut mir leid, aber mir geht es ja auch nicht besser! Sie heulte nachts. Jede Nacht heulte irgendjemand, man hörte Kinder schluchzen. Als dann noch dieser Bundesinnenminister kam, platze mir der Kragen! Er macht absolut nichts für sein Land und Volk. Er kam hier einfach rein und verhielt sich so, als ob alles in Ordnung wäre. Ich warf eine Steinfigur nach ihm, habe ihn aber leider verfehlt. Ohh, wie glücklich ich gewesen wäre, wenn ich ihn getroffen hätte. Er wird das alles was passiert ist schon bereuen. Ich fühle mich so alleine. Ich weiß nicht wo meine Familie ist. Ich habe Angst um sie, weil ich nicht weiß wo sie gerade sind und ob sie überhaupt noch leben. Aber so will ich nicht darüber nachdenken. Ihnen geht es schon gut. Vater wird bestimmt bald kommen und mich holen. Uli wird bestimmt dabei sein, gesund und glücklich. Meine ganze Familie wird sich freuen mich zu sehen und alle werden wieder vereint sein. Viele Fragen schwirren in meinem Kopf herum: werde ich überhaupt überleben? Werde ich überhaupt diesen Tag erleben, an dem ich meine Familie sehen werde? So viele Fragen, die weiterhin unbeantwortet bleiben werden.

Liebes Tagebuch,

(Kap. 7) nach dem Besuch des Ministers merkte ich, dass ich wieder "normal" sein wollte. Ich fing wieder an zu essen und zu trinken, sogar zu reden. Am Liebsten redete ich mit Ayse. Sie erzählte mir, dass sie einen Freund hatte, aber ihre Eltern waren gegen diese Liebe. Sie tat mir oft Leid, wenn sie weinend über ihre Familie erzählte. Aber ich war froh, als Lastwagen frische Wäsche und Bettlaken lieferten, ihr hübsches und glückliches Gesicht zu sehen. Tünnes erzählte uns viel von den Evakuierungen und hielt uns auf dem Laufenden von dem Stand der Toten. Eines Tages brachte Tünnes einen Fernseher mit, und ich starrte immer wie eine Verrückte auf den Bildschirm, wenn eine Reportage lief. Nach einer Weile war ich bereit, zu wissen und zu verkraften ob meine Eltern tot waren oder nicht. Ich schrieb sie auf eine Liste. Meinecks. Meine Hoffnung wuchs von Tag zu Tag. Wenn ich daran zurückdenke, balle ich immer noch die Fäuste, weil Tünnes mich wochenlang anlog. Immer hatte er neue Ausreden, wenn ich nach meinen Eltern fragte und er versuchte immer meinem Blick auszuweichen. Ich verlor langsam meine Haare. Immer wenn einer über meinen Kopf strich, wurde ich wütend. Ich hatte Angst, dass ich bald gar keine Haare mehr haben würde. Ayse trug schon eine Mütze. Ich wollte nicht. Ich wollte, dass wenn in aus dem Krankenhaus herauskam, jeder sah das ich mich nicht schämte. Und ich schämte mich doch. Aber ich wollte es mir damals nicht anmerken lassen. Ich glaubte garnichts mehr, außer das meine Eltern noch lebten. Ich wurde immer kränker. Ich bekam starken Durchfall und musste mich immer öfter übergeben. An einem Tag hatte mir Ayse ins Haar gegriffen. Ich hatte sie geschlagen, deshalb redete ich nicht mehr mit ihr. Ich legte mich so hin, jetzt doch mit der Mütze auf dem Kopf, dass ich die Saaltür im Auge behalten konnte, in dem Glauben, meine Familie würde hereinplatzen. Aber ich wusste ganz genau, dass es nicht so sein würde.

Liebes Tagebuch,

(Kap. 12) es vergingen viele Tage nach der Katastrophe in Grafenrheinfeld. Ich wohnte bei Almut und Reinhard. Die beiden waren sehr nett zu mir. Almut war in einer Atomgeschädigten Notgemeinschaft, mit der sie sich sehr beschäftigt hat. Ich half ihr auch Adressen auf Stapel von Briefumschlägen zu schreiben. Ich ging mit ihr auf Behördengängen tippte Briefe für sie. Aber als Almut nach einem Besuch von einer ehemaligen Kollegin in einem Frankfurter Krankenhaus nach Hause kam, war sie auffallend still. Sie sagte mir, dass sie zu spät gekommen sei und dass ihre Kollegin wegen Leukämie gestorben war. Sie hatte Kinder die derzeitig bei der Großmutter wohnten, da sie keinen Vater hatten. Die Kinder taten mir leid, denn in diesem Moment als ich das gehört hatte, dachte ich an meine Familie. Ich fragte mich ob ich sie überhaupt noch sehen werde und ob ich dann auch bei meiner Großmutter leben würde?

Alternativer Schluss der Geschichte

Lea Leonard Moritz Leonie und Marta Ela Jonas und Nikola  
             
             
             
             

Lea

S.223[] Da zog Janna-Berta die Mütze vom Kopf und begann zu sprechen. Ihr Gesicht wurde hart, ihre Augen spiegelten pure Verachtung. Ihr harter Blick traf den Oma-Bertas ohne jeglichen Respekt mit der ganzen Trauer und den Qualen der letzten Zeit. "Ihr redet, als wärt ihr dabei gewesen, bei der Panik, die hier ausbrach, bei der Todesangst die jeden von uns antrieb." Langsam begannen sich ihre Augen zu Schlitzen zu verengen und eine Wut brach aus ihr, die sie die ganze Zeit hinter dicken Mauern gehalten hatte. Eine Wut auf die Politiker, die ihre Worte zügelten, sobald sie etwas schlimmeres als falsche Geldinvestition zu verantworten hatten. Eine Wut auf Tünnes, der sie in Unwissenheit gelassen hatte und auf Helga, die sich nur um ihr Ansehen gekümmert hatte, auf Elmar, der nicht gekämpft und sie im Stich gelassen hatte und auf Hans-Georg und Berta, die während der Katastrophe am Strand saßen und der aufgehenden Sonne zusahen, in der Luft eine salzige Briese und sich jetzt darüber aufregten, dass die Politiker zu viel gesagt hatten, dass das Leid nur vorgespielte Übertreibung was. "Ihr redet, als hättet ihr den Tod von Uli miterlebt, als lägt ihr auf Pritschen neben sterbenden Kindern, den stinkenden Leichen, während ihr dahin vegetiert und euch die Haare ausfallen, ihr zu schwach seid, euren Kopf zu heben, euch jeder ins Gesicht lügt, sich die Menschen auf der Straße mitleidig anschauen und glücklich, dass sie es nicht sind, mit der Glatze, abgegrenzt von allen anderen. Als wärt ihr es, die sich nicht trauen in der Totenkartei nachzusehen, weil ihr Angst habt, dass die Hoffnung, dass noch einer lebt, sterben könnte, als hättest ihr gehört, dass Jo, Kai, euer Sohn und eure Schwiegertochter, das Kind von Almut, eure Freunde tot sind. Abgeknallt von Militär, das selbst nicht überleben wird oder verstrahlt, an den elenden Qualen der Strahlenkrankheit gestorben, zu schwach zum Leben, ermordet, weil sie die Blicke der Gesunden, die Zukunftslosigkeit nicht mehr ausgehalten haben, sich mit Tabletten den Kick gegeben." Während sie sprach, liefen ihr heiße Tränen über ihr Gesicht, doch ihre Stimme wurde nicht brüchig, Wut trieb sie an. Verzweifelte Sätze voller Schmerz und Hilflosigkeit, am Ende schrie sie fast. Ihre Fäuste waren geballt, die Knöchel traten vor Anstrengung weiß hervor. Als sie endete, blickte sie unbeschämt in die Augen, fast herausfordernd. Oma Berta war die Kinnlade herunter gefallen, Opa Hans-Georg starrte sie ungläubig an, doch Janna-Berta blieb hart. Eine leichte Briese strich ihr über den nackten Kopf, als wollte sie Bewegung in die Szene bringen, doch da bewegte sich nichts mehr. Opa Hans-Georg fasste sich als erster. "Die Jungend heutzutage ist eben etwas launisch und übertrieben.", sagte er mehr zu sich selbst und Oma Berta als zu Janna-Berta. "Jannchen, das wollen wir ganz schnell vergessen." Lächelnd wand er sich zu Janna. Er wollte eine Bestätigung. Janna-Berta starrte, ihr Gesicht wurde erst schneeweiß, dann knallrot. Ihr Mund verzog sich, als wären es jetzt die Lippen, die die Wut zurückhalten mussten. "Nein!", schrie sie. Ihre hohe, schrille Stimme, die die Wut forderte, spannte die Luft zum zerreißen, der Tee in den Tassen kräuselte sich auf der Oberfläche. Opa Hans-Georg räusperte sich, doch Janna-Berta war noch nicht fertig. "Vergessen, unser Leid überspielen, die Ordnung, die Politik nur nicht aus dem Ruder kommen lassen. Ruhe bewahren, darüber schweigen, Gras darüber wachsen lassen. Ein geheimes Thema. Den Fehler, das Schweigen der Politiker, die Schande des Landes nicht durchdringen lassen, ja nicht aufwirbeln. Noch viele Jahre werden Missgeburten geboren werden, vielleicht wird eines davon eure Urenkelin. Ihr Blick wurde glasig, sie sah in weite Ferne, Trauer lag in ihren Augen. "Sie werden einfach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, vergessen." Ihre Stimme war nun fast ein flüstern. "Aber das nächste Mal werdet ihr nicht sagen können, ihr hättet von nichts gewusst." Eine kleine Träne rollte über Janna-Bertas spitze Wangen. In der letzten zeit war Janna erwachsen geworden, hatte ihre Kindheit in dem schönen Haus auf dem Hügel gelassen. Ihre rundlichen Backen traten nun spitz heraus, ihre fröhlichen Augen lagen in tiefen Höhlen. Plötzlich übermannte sie eine Welle von Erschöpfung. Ihre Kehle war trocken, doch sie trank nichts von dem Tee, der vor ihr stand. Sie blieb sitzen, hart, wollte keine Blöße zeigen. Oma Berta hob den Kopf. Sie hatte die ganze Zeit auf ihr geblümtes Kleid gestarrt, während Hans-Georg gesprochen hatte. Ihre kleinen, runden Augen waren feucht und ruhten mit Trauer gefüllt auf Janna-Berta. "Ist das wahr? Leben Kai, Uli, deine Eltern, Jo..." Sie machte eine kurze Pause, ihre Augen huschten nun ungläubig hin und her. "Almuts Kind!" Ihre Augen blickten wieder genau in die dunklen Tiefen Janna-Bertas, als wollte sie etwas suchen, doch sie verschloss sich. "Tot?", hauchte Oma Berta. Janna Berta presste ihre Augen aufeinander, Tränen der Trauer, des Schmerzes der Wunde in Janna-Bertas Herz, aufgeplatzt, als sich eine dünne Kruste des Verdrängens darüber gelegt hatte, liefen ihr übers Gesicht. Sie nickte. Oma Berta schloss die Augen, ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich, Tränen. "Sie waren noch so jung...", fieng sie an, dich ihre Stimme brach. Opa Hans-Georg starrte Janna an, als könnte er so ihre Worte rückgängig machen. ER hatte es nicht bemerkt, überhört, als es Janna-Berta gesagt hatte, die Tatsache,dass seine Enkelin mit ihm über Politik diskutiert hatte, dass Janna-Berta ihm in solch einem Gebiet widersprach, hatte ihn im ersten Moment verwundert, dann hatte er alles auf die Jungend geschoben, völlig übertrieben. Aber seine Ohren hatten es nicht wahrgenommen, vielleicht wollte er es nicht wahrhaben. Tiefe Trauer überrumpelte ihn, beschattete seine Gedanken. Es konnte nicht sein. "Kind, das glaube ich nicht!" Fieberhaft suchte er nach Erklärungen. "Bestimmt sagen die nach einer Zeit einfach, sie sind tot, obwohl sie noch leben, einfach nicht gefunden. Vielleicht sitzen sie gerade in irgendeinem Keller und warten." Janna-Bertas zittriger Atmen stockte. Mit einer Hand wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, mit der anderen krallte sie sich an der Tischplatte. Noch einmal stark sein. Sie blickte auf, starrte in Opa Hans-Georgs Augen. "Du kapierst es einfach nicht, oder?" Ihre Lippen zitterten, ihre Augen funkelten. "Das hier ist die Wahrheit. Die tausenden Opfer, die verstrahlte Gegend, es wird nichts wie es früher war. Meine Eltern, ich werde sie nie wieder sehen, sie sind für immer von uns gegangen. Vielleicht werden wir Sperrzone 3 nie wieder betreten können, es wird für immer ein unbewohntes, trauriges Gebiet bleiben, das einfach vergessen wird. Es wird vergessen, wie die Leichen, die dort vielleicht noch Jahre liegen, in Keller geworfen oder unter tote Rosenbüsche gekehrt. Es ist eine Gegend, in der vor ein paar Monaten noch glückliche Kinder gespielt haben und fröhliche Hunde Schafherden trieben. Und so wird es wieder kommen, wenn ein weiterer teil unserer Erde verstrahlt, getötet wird." Ihr Gesicht blieb starr, bekräftigte ihre Worte. "Es wird kein nächstes Mal geben, das war eine Ausnahmen, einzigartig.", sagte Hans-Georg stur, mit dem Blick auf seine Schuhe. Er blickte kurz auf, sah aber wieder weg. "Zu versagen, das ist normal, das ist menschlich. Aber ihr haltet Atomkraftwerke für Wunderwerke, die niemals versagen" Sie schrie, bemühte sich nicht, ihre Emotionen zu verbergen. "Es wird wieder passieren, wie hier und keiner wird damit rechnen, es verdrängen, aber es wieder Opfer geben, Tote, Qualen, Verstümmelungen. Aber ihr wollt ja unbedingt vergessen und damit riskieren. Bitte!" Ein letztes Mal sah sie in die Augen ihrer Großeltern, voller Verzweiflung und Ungläubigkeit. "Ihr seid nicht mehr meine Großeltern!" Mit einer einzigen Geste aus frischer, aber tiefer Abschätzigkeit stand sie auf. Worte waren nicht mehr nötig. Sie rannte. Mit Tränen in den Augen stürmte sie zur Terrassentür, hastete ohne sich umzudrehen die Treppe hinunter, stoppte erst an der Haustür. Über den klaren Herbsthimmel hatten sich dunkle, schwere Wolken geschoben. Janna-Berta atmete tief ein. Die abgekühlte Luft strömte durch ihre Lungen, holte sie in die Realität. Sie beruhigte sie, ihr Herzschlag, der die ganze Zeit dumpf in ihren Ohren hallte, ließ nach. Plötzlich hörte Janna Schritte. Sie trat über die Schwelle. Ein dicker, warmer Regentropfen landete auf ihrem Arm. Hinter ihr öffnete sich die Tür. "Wohin gehst du?", fragte eine hysterische Stimme. Eine Wand aus prasselnden Regentropfen hinderte Berta, Janna zu folgen. "Almut", hauchte Janna-Berta, bevor der Wind ihr die Sprache nahm.

Leonard

Ihr zwei Ignoranten. Während eures tollen Mallorcaurlaubs ist hier die Welt fast untergegangen und ihr solltet Folgendes wissen: Tante Helga hat gelogen, dass alles in Ordnung ist. In Wahreit sind alle tot. Kai, Uli, Mama, Papa und Jo. Aber euch soll man ja nicht mit so einer, "Katastrophe" langweilen. Oma Berta sagt, den Tränen nahe: Erzähl doch weiter, jetzt wo wir wissen, dass sie tot sind, kann es sowieso nicht mehr schlimmer werden!" Janna-Berta fuhr fort:,,Ich fang am Besten am Anfang an. Sobald wir von der Katastrophe wussten, wollten wir uns im Keller einrichten, aber Mama sagt, dass wir fliehen sollen. Auf dem halben Weg in Richtung Bahnhof wurde Uli von einem Auto überrollt. Nach dem misslungenen Versuch mit dem Zug zu fliehen musste ich einige Zeit in einer Notunterkunft bleiben,denn ich hatte viel zu viel Strahlung abbekommen. Später, als ich wieder gesund war, hat mich Tante Helga abgeholt. In Hamburg hat sich dann auch noch zu allem Überfluss mein Bester und einziger Freund mit Pillen selbst das Leben genommen. Von Helga bin ich zu Almut und von Almut dann zu euch. Und hier bin ich und erzähle euch von dieser Tragödie.

Moritz

"Was ist los mit euch, das ihr es einfach nicht merkt? Die Atomkraft ist so etwas Schlechtes, und ihr denkt nie über euren Horizont hinaus!" sie stand auf, packte die Teekanne und warf sie gegen die Hauswand. Sie zerbrach mit einem lauten Klirren, das in der ganzen Nachbarschaft hörbar war. "Was ist den los?" fragte Oma Berta. "Sie sind tot! Sie sind alle tot!" brüllte Janna-Berta ihnen ins Gesicht. "Diese verdammte Atomkraft hat sie alle umgebracht." Janna-Berta erzählte die ganze Geschichte von vorne bis hinten. Vom Tod ihrer Eltern, wahrscheinlich durch die Kugeln der Polizisten und dem Auto, das Uli überfahren hatte. Währenddessen bebte ihre Stimme vor Zorn und Tränen. Als sie fertig war, waren ihre Großeltern ganz still, sagten kein Wort. "Ich hasse euch" murmelte Janna-Berta noch, als sie ihm Haus verschwand. Weinend warf sie sich auf ihr Bett.

Leonie und Marta

"Stopp jetzt! Ich möchte, dass ihr die Wahrheit erfahrt! Erschreckt euch aber bitte nicht!". Janna-Berta zog ihre Mütze ab. Alle verstummten. Oma Berta fand zuerst ihre Worte wieder. "Jannchen, warum hast du uns nicht früher die Wahrheit gesagt?" Janna-Berta räusperte sich: "Ihr habt mich nicht zu Wort kommen lassen. Euch hat nur meine bescheuerte Mütze und Coco, der ja so tragisch verhungert ist, interessiert!" Opa Hans-Georg schnaubte auf. Er wollte gerade etwas sagen als Janna ihn unterbrach: "Nein Opa, sei still! Ihr wart die ganze Zeit auf Mallorca, abgeschnitten von der Welt, ohne jegliche Information, und ihr sorgt euch um Coco? Ja ich weiß Helga hat euch auf dem Laufenden gehalten... Aber soll ich euch was sagen? Sie hat gelogen. Die Wahrheit ist das alle, also Mama, Papa, Jo und Kai tot sind. Sie waren zu nah an der Katastrophe dran gewesen. Uli wurde wegen der Hektik von den ganzen Leuten von einem Auto überfahren. Ich hatte Glück und bin nur erkrankt. Helga hat euch nur nichts darüber erzählt, weil sie Angst hatte, dass es euch umhaut. Ich..." Sie brach in Tränen aus. Oma Berta dagegen starrte vor sich hin, als sie endlich begriff was ihr "Jannchen" da eben gesagt hat.Auch sie brach in Tränen aus. Auch Opa Hans-Georg beginnt zu begreifen und nahm erst mal einen Schluck Kaffee. Nach einiger Zeit Traurigkeit, fing Janna-Berta wieder an zu reden: "Ich habe Krebs, dagegen kann ich nichts tun! Meine ganze Familie ist tot. Ich habe nur noch euch. Ich weiß, dass ich mein ganzes Leben lang die Katastrophe nicht vergessen werde, aber ich will trotzdem glücklich sein, und zwar mit euch. Kann ich bei euch wohnen, solange ich lebe?" Oma Berta und Opa Hans-Georg schauten Janna verblüfft an. ,, Natürlich kannst du bei uns wohnen! Süße, vergiss nicht, wir sind immer für dich da. Diese Krankheit, die du hast, werden wir schon bekämpfen. Du wirst ein langes Leben haben, mit einer Familie und vielen Kindern.

Ela

Janna-Berta nahm die Mütze vom Kopf und begann zu sprechen: "Du hast ja keine Ahnung, was hier los war! Siehst du meinen Kopf? Nicht ein einziges Haar habe ich noch. Und als hier der ganze Mist losgegangen ist, ja da konnt ich leider nicht mehr deinen Vogel retten. Ich musste schon alleine Uli retten und auf ihn aufpassen, weil keiner da war. Kannst du dir vorstellen wie schwer es für mich war?" "Aber Jannchen wieso..", sagte ihre Oma zu ihr. "Und alle sind tot. Mama, Papa, Uli und Kai. Helga hatte euch angelogen, damit ihr auf Mallorca bleibt, bis sich hier alles stabilisiert hätte.", erwiderte Janna-Berta. Oma Berta brach in Tränen aus und Opa Georg blieb regungslos auf dem Stuhl sitzen. "Ich habe Uli vor meinen Augen sterben sehen. Ihn hatte im ganzen Durcheinander ein Auto überfahren und ihr regt euch wegen der Medien auf? Hier haben nicht nur wir unsere ganze Familie verloren, sondern auch viele andere Menschen. Durch die Medien bekommen diese Menschen, vielleicht noch ein wenig Hilfe. Mein einziger Freund Elmar hat sich das Leben genommen, weil er nicht damit leben konnte, einmal Krebs zu haben. Und ich werde einmal genauso enden. Meine Kinder, meine Enkel und ja vielleicht auch meine Urenkel werden entweder behindert sein oder Krebs bekommen. Wisst ihr ich habe alle verloren, die ich liebe. Ich habe, fast die ganze Zeit bei Almut gewohnt, ihr und Richard geht es auch nicht besser. Almut hat ihr Kind verloren und trotzdem eine Hilfsorganisation gegründet. Glaubt ihr sie könnte sich nicht wegen der ganzen Politik aufregen? Opa, hast du das alles durchgemacht? Hast du deine Haare verloren? Nein, hast du nicht. Ich war alleine, ganz alleine. Ihr könnt euch nicht annährend vorstellen, wie es mir in dieser Zeit ging." Janna-Berta stand auf, ging in ihr altes Zimmer, legte sich in ihr altes Bett und dann begann auch sie an zu weinen.

Jonas und Nikola

Janna-Berta sagte: "Helgas Geschichte ist eine einzige Lüge. An dem Tag, an diesem Tag, an dem die Zeit stehen zu bleiben schien, dem Tag der Flucht, waren Mama, Papa, Kai in Schweinfurt. Keiner hat es überlebt. Die Strahlung der brennenden Ruine hat alle dahingerafft." J.-B. begann zu weinen wie ein kleines Kind, stürzte sie sich von dem inneren Gefühl der Schuld getrieben in die Arme ihrer Großmutter . Sie sprach mit wie von ihren Tränen verwischten Worten. "Als Uli und ich flohen, wollten wir wie von der Polizei gefordert, im Keller bleiben. Doch dann rief Mama an und sagte, wir sollen fliehen. Sie konnte nicht zu Ende sprechen an diesem schweren Tag deutscher Geschichte. Wir konnten uns nicht einmal verabschieden. Auf einmal war die Leitung tot. Als wir dann über einen Hügel fuhren, konnte er nicht mehr bremsen. Er wurde überfahren." J.-B. schrie auf. Die Tränen rannten über ihr verschmiertes Gesicht. Doch dem Gefühl der ewigen Schuld war sie ein Stück ferner. Doch der hohe seelische Druck der schweren Schuld lastete immer wie ein Stück glühender Kohlen auf ihrer, von einem Seufzer erzitternder, Brust, die in ihrem gesamten leben nur noch von Seufzern gedehnt wurde. Über Janna-Bertas Lippen rann nie mehr ein echtes Lächeln ihrer Seele an die Aussenwelt.